Lesehäppchen

Die Putzfrau

 

Ich bin Putzfrau. Eine Frau, die putzt. Manche nennen sich ‚Haushaltshilfe’ oder - noch netter umschrieben -  ‚Raumpflegerin’. Ich bin einfach nur die Putzfrau. Ich mache Dreck weg. Den Dreck anderer Leute.

Wie zum Beispiel bei Ehepaar Meier. Natürlich heißen die Meiers nicht Meier, aber da zu einem glücklichen Putzfrauendasein unabdingbar äußerste Diskretion gehört, wollen wir sie doch mal so nennen unter uns. Während ich heute also bei den Meiers putze, können wir ein bisschen plaudern – lassen Sie sich nur nicht stören, wenn es ein wenig staubt.

Gestern Morgen war ich auch schon hier. Frau Meier findet, es ist Zeit für ein Großreinemachen, das dauert eben. Tja, und kaum war ich gestern zur Türe rein und suchte die Putzutensilien zusammen, da gab`s schon wieder den ersten Zusammenstoß  mit dem Herrn des Hauses.

Im übertragenen Sinne - denn den Tritt, den er am liebsten mir gegeben hätte, nachdem er sich lautstark über die angeblich permanente Unordnung mokierte -, diesen Tritt also, den bekam die Kehrschaufel ab, die laut scheppernd quer durch den Flur flog.

Nicht, dass mich das besonders beeindruckte - das ist ganz normaler Alltag bei den Meiers. Seelenruhig langte ich nach dem Besen, um mit meiner Arbeit zu beginnen, was Herr Meier mit einem giftigen Blick quittierte, bevor er Richtung Küche marschierte. Ich fing an, in aller Gemütsruhe zu fegen.

Frau Meier allerdings, die war gestern schon wieder so nervös, dass das kleinste Geräusch, jede schnelle Bewegung ihres Mannes sie aus der Fassung brachten. Ihre Hände zitterten wie die einer Parkinsonkranken, als sie ihm die Kaffeetasse reichte; ihre Blicke huschten unruhig umher und vermieden den Anblick ihres Gatten, der mit eisiger Miene an seinem Frühstücksbrötchen kaute.

Überhaupt ist Frau Meier eine verhuschte Ehefrau, die im Dauermarathon für ihren Gatten umher rennt, um dessen Wünsche zu erfüllen. Was sie wirklich nicht gedankt bekommt. Sie hat alles aufgegeben für einen Mann, der sie ansieht wie ein unliebsames Insekt und beiseite schiebt wie einen überflüssigen Stuhl.

Apropos Stuhl – diese versifften Kissenbezüge hier müssen heute dringend in die Wäsche ... die ziehe ich gleich mal ab. Igitt !

Also Frau Meier – die wollte sogar studieren früher, Kunstgeschichte und Musik ... war eine sensible, feinsinnige junge Frau, die das kulturelle Leben der Stadt hätte bereichern können - nur fuhr sie in jungen Jahren dummerweise auf Machos  ab. Den größten von allen hat sie ja nun seit fast 20 Jahren als Ehemann. Er vereint die Eigenschaften eines Paschas gekonnt mit denen eines Diktators und klassischen Haustyrannen. Ein wandelndes Klischee, lächerlich eigentlich. Nur dass Frau Meier immer weniger zu lachen hat ...

Ach du liebes Bisschen, sind die Fenster hier fleckig – da muss ich nochmal drüber mit frischem Putzmittel. Das sieht ja aus, als hätte jemand absichtlich etwas dagegen geschüttet. Würde mich gar nicht wundern, wenn das das Bier wäre vom Herrn des Hauses ...

Vermutlich hat es ihm letzte Woche nicht mehr geschmeckt, nachdem ich versehentlich meinen Staubwedel über seinem Glas ausgeschüttelt habe - man kann ja nicht überall seine Augen haben, da passiert so was schon mal. Vor allem, wenn man vorher gerade unvermutet und herzhaft in den Po gezwickt wurde...

Jaja, der Herr Meier - kann wirklich charmant sein, wenn er will. Nur zu seiner Frau nicht. Zu mir war er es im Prinzip auch nur solange, bis mir aus Versehen ein Eimer heißes Wasser umfiel und seine nackten Zehen verbrühte, als er mir helfen wollte, im ehelichen Schlafzimmer die Betten zu machen ... denn sooo charmant fand ich ihn dann doch nicht ...

Das war am Anfang meiner Tätigkeit bei Ehepaar Meier. Damals hatte sich die Hausfrau den Knöchel gebrochen,  weil sie auf der Seife ausgerutscht war, die ihr liebreicher Gatte achtlos im Badezimmer auf dem Boden hatte liegen lassen. Das war vor vier Jahren, und seitdem putze ich bei den Meiers. Regelmäßig zweimal die Woche.

Ach, jetzt klingelt das Telefon. Sehr ungünstig, Frau Meier wird heute kaum zu sprechen sein. Ich stopfe das Staubtuch in die Kitteltasche, eile den Flur entlang und greife nach dem Hörer. Am Apparat ist die aufdringliche Nachbarin - da verwandele ich mich doch flugs mal in die gute Haushaltsperle aus dem Ausland: “Hallo – ich nix verstehn deitsch, ich allein, keiner hier,  – weiß kein Uhr, wann wieder hier! Du anruf später!”

Ha! Aufgelegt. So. Jetzt hat die arme Frau Meier noch ein bisschen Ruhe. Jaja, es hat sich schon bei vielen Arbeitgebern als sehr praktisch erwiesen, wenig Deutsch zu verstehen. Gerade soviel, dass man mir erklären kann, wo der Staubsauger ist und wie die Fenster geputzt werden sollen. Das bewahrt mich auch davor, bei der psychologische Kriegführung innerhalb der Familien ungewollt zwischen die Fronten zu geraten - was einem glücklichen Putzfrauendasein sehr  abträglich ist.

Jetzt wische ich hier grade nochmal die vielen kleinen Glasscheiben der Zwischentür - die Fingerabdrücke daran würden jeden Kripobeamten glücklich machen, im Gegensatz zu mir. Kann allerdings gut sein, dass sie noch daher rühren, dass sich der Herr des Hauses kürzlich ganz furchtbar die Finger in der Tür klemmte. Das passierte, nachdem er mir im Vorbeigehen so liebevoll an den Busen grabschte – vor schreckhaftem Entzücken habe ich die Tür zugeknallt und da waren leider seine Finger im Weg. „Ach - wie tut mich Leid, ich nix gesehen Hand ...“, bedauerte ich, selbst  händeringend, meinen schreienden und fluchenden Brötchengeber. Tja ... manchmal bin ich schon ein wenig ungeschickt.

Da hat der reizende Herr Meier seinen Kampf mit uns Frauen - wie gestern Morgen – da war er wieder ganz besonders aufgebracht. Während ich einen frischen Putzlappen schulterte und Kehrschaufel und Besen schwingend durch Meiers große Altbauwohnung zog, hörte ich ihn in wüsten Tönen seine Frau beschimpfen. Sie hatte wieder irgendetwas getan, was ihn zur Weißglut reizte. Vielleicht sein Frühstücksei zu hart gekocht, oder ihm statt der blauen Tasse die grüne hingestellt.

Wissen Sie - mittlerweile reizt ihn an seiner Frau alles zur Weißglut ... Und während ich im Gästezimmer auf dem Holzboden umher rutschte und unter dem Schrank wischte, hatte ich Gelegenheit, mir den verbalen Müll anzuhören, den Herr Meier über seiner Frau ausgoss.

Oh ja - Dreck hat viele Dimensionen. Die schmutzigsten Dinge sehen von außen oft ganz sauber aus. Aber ich als Putzfrau bekomme es auch mit dem Dreck zu tun, der unsichtbar ist... und davon gibt es hier im Haus eine ganze Menge.  Wirklich widerlich, kann ich Ihnen sagen. Auf dem Rückweg vom Gästezimmer hörte ich deutlich das Weinen der armen Frau Meier aus der ehelichen Schlafstube; dort habe ich dann lieber nicht geputzt.

Ja, nirgendwo anders ist man einem Menschen näher als in seinem Zuhause. Und nirgendwo anders blickt man so tief in seelische Abgründe ...

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Die ganze Story und drei weitere aus meiner Feder in der Anthologie

„Himmlisch? Teuflisch? Menschlich!“

Autorengruppe Semikolon ... BoD-Verlag 2009 ... 8,90 € ... erhältlich bei mir und den anderen Autorinnen

In dieser Anthologie bin ich, wie meine Kolleginnen, mit mehreren Kurzgeschichten und Lyriktexten vertreten

Meine Kurzgeschichten: „Gewitter“ / „Die Putzfrau“  / „Omas Kartoffelbrei“  / „Eine ganz normale Woche“  

Lyrik: „Gebet an Aphrodite“  / „Oben `naus und nirgends an“  /  „Wiederkehr“  / „Mond“   / „Füchsin“


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