Lesehäppchen

Liebesspiele

Sie waren im verflixten 7ten Jahr. Verflixt normal, hatte Katja noch vor ein paar Wochen gedacht. Manchmal sogar nahe an der Grenze zur Langeweile, die sie sich noch nicht eingestand. Sie und Simon – sie waren ihrer optimistischen Überzeugung nach das Ausnahmepaar, die perfekten Kandidaten für eine glückliche Ehe, die auch nach 20 Jahren noch spannend und prickelnd sein würde.

Doch es war nicht zu leugnen: Aus dem nächtlich sprühenden Feuerwerk mehrmals in der Woche war ein sanft glimmendes Herdfeuer ein paar Mal im Monat geworden und auch sonst ... Alltag eben, einschläfernd beruhigende Ehe-Routine. Nach sieben gemeinsamen Jahren wusste Katja, was im Kopf ihres Mannes vorging. Was er mochte, zum Beispiel Zimtkekse, Pünktlichkeit und gebügelte Unterhemden, und was er hasste, zum Beispiel Tratscherei, Faschismus und ihre kalten Füße unter seiner Bettdecke.

Dass sie sich bald fragen würde, mit wem sie wirklich die ganze Zeit zusammengelebt hatte – damit hatte sie nicht gerechnet ...

Es begann mit einem Anruf ... während zweistündig genüsslichen Schwätzens mit ihrer besten Freundin Moni fragte diese irgendwann: »Ach ja, sag mal – seit wann fährt Simon denn Roller Blades?!«

Katja lachte. »Was?! Simon ist der Letzte, der Roller Blades fahren würde! Der läuft ja nicht mal mehr Schlittschuh seitdem er in ein Eisloch gefallen ist. Wie kommst du denn da drauf?!«

»Na, ich hab ihn doch gesehen letzte Woche, in voller Montur mit diesen Knieschützern und allem, auf dem Weg am Fluss ... du weißt doch – wo ich morgens immer jogge!«

»Nee, das kann nicht sein, den musst du verwechselt haben!«, sagte Katja entschieden. Simon und Roller Blades – das war so ähnlich wie ihre Oma und Drachenfliegen. Einfach unvorstellbar! Und natürlich lachte ihr Mann genauso darüber wie sie, als sie ihm abends davon erzählte, und witzelte herum über Monis Kurzsichtigkeit.

Kurzsichtig war zu diesem Zeitpunkt aber eher noch Katja ... Doch nicht kurzsichtig genug, um Simon nicht zu bemerken, als sie ein paar Tage später nach Feierabend durch den Supermarkt hechelte, um außer dem Üblichen schnell den Lieblingsrotwein fürs Wochenende zu ergattern. Sie stand am Ende der freitäglichen Kassen-Schlange, als sie ganz weit vorne ihres Mannes  gewahr wurde, der gerade gezahlt hatte und dabei war, einen vollgetürmten Einkaufswagen Richtung Ausgang zu schieben.

»Simon! He, hallooo, Schahaaatz!«, winkte Katja und gestikulierte dabei ihrem erbosten Vordermann die Mütze von Kopf. Aber ihr Gatte reagierte nicht, er schien das liebevolle Gejodel völlig zu überhören – wo er doch sonst das Gras wachsen hörte mit seinen großen Ohren. Bis sie zum Parkplatz kam, war er natürlich weg und Katja ziemlich sauer. Zu Hause saß ihr Mann dann bereits seelenruhig in seinem Lieblingssessel und schälte sich genüsslich aus den Socken.

»Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass du früher Schluss hast, da hätten wir zusammen einkaufen gehen können und nicht alles doppelt, jetzt geht wieder die Hälfte kaputt!«, knotterte Katja erbost als Begrüßung.

Simon schien überhaupt keine Ahnung zu haben, was sie meinte. »Häää?! Von was redest du?! Ich bin eben grade erst aus der Firma gekommen, was ist denn los?«

»Ja sag mal ...« Ihr blieb die Luft weg. »Du warst doch vor ‘ner Viertelstunde noch beim Supermarkt und hast massig Zeugs eingekauft! Ich hab mir die Lunge aus dem Hals geschrien, aber du bist einfach abgedampft!«

»Spinnst du?!«, fragte ihr Mann abwehrend. »Ich habe weder früher Schluss gemacht, noch war ich einkaufen – hast du Halluzinationen, oder was?«

Katja verschwand wortlos in der Küche, um nachzuforschen, wo der Berg Lebensmittel war, den sie ihn hatte wegkarren sehen – aber im Kühlschrank fand sie ebenso wie in der Vorratskammer nicht mehr Essbares als sonst vor. Was war da los?! Sie hatte Simon eindeutig im Supermarkt gesehen, er besaß zumindest körperlich eine überragende Persönlichkeit: über einsneunzig groß und zu seinem größten Bedauern und ihrem steten Entzücken mit einem brandrotem Haarschopf gesegnet. Und überhaupt ... seinen Mann kennt man doch wohl, oder?!

Katja zergrübelte sich bis spät in die Nacht bei mehreren Gläsern Wochenendrotwein den Kopf, denn Simon bestand beharrlich darauf, dass er nicht im Supermarkt gewesen war. Zu guter Letzt fiel ihr ein, dass Simon vorigen Monat für ein Benefiz-Buffet des Tierheimes ganz groß eingekauft hatte – aus ihrer knappen Haushaltskasse! Sie hatten deshalb ziemlich Streit bekommen, denn Simon war in allen möglichen wohltätigen Stiftungen und dabei oft viel wohltätiger, als Katja angemessen fand im Verhältnis zu ihrem gemeinsamen Einkommen und dem, was nach allen Ratenzahlungen für Haus und Heim davon übrigblieb. Hmmm – wahrscheinlich war‘s jetzt etwas Ähnliches. Na gut, auch in einer Ehe darf jeder seine Eigenheiten und kleinen Geheimnisse haben, oder nicht?!

Montags darauf traf sich Katja mit ihrer Mutter zum Einkaufsbummel, unter anderem wollte sie auch einen neuen Pullover für ihren Liebsten erstehen. Das teure graue Kaschmirteil, nach dem sie griff, wurde von ihrer Mutter mit kritisch hochgezogener Augenbraue begutachtet. »Meinst du denn, das gefällt Simon?! Wo er ja neuerdings so einen ganz trendy-flippigen Stil hat ...«, meinte sie mit süffisant verzogenen Lippen.

Verwirrt betrachtete Katja ihre Mutter. »Wieso flippiger Stil? Simon trägt seit Jahren meistens nur Klassisch-Elegantes. Wenn es mal ausgefallener sein soll, muss ich ihn schon dazu überreden!«

»Na, das ist dir ja dann besonders gut gelungen«, erwiderte ihre Mutter trocken, während sie eifrig in einer Sonderangebotskiste herum kramte.

»Mutter! Was meinst du denn damit?!«, wollte Katja ärgerlich wissen. »Sag doch bitte klar und deutlich, wenn du was auszusetzen hast!«

Ihre Mutter schnaufte missbilligend. »Kind, es geht mich nichts an, und Simon kann rumlaufen wie er will, solange es ihm und dir gefällt. Diese spitzen Cowboystiefel sehen ja auch noch ganz gut aus zu den Jeans, aber die auffällige Fransenweste – die fand ich persönlich nun mal einfach total übertrieben.«

»Cowboystiefel?! Fransenweste?!«, echote Katja völlig perplex. »Ja, wann soll er denn sowas angehabt haben?! Redest du von Karneval, oder was?!«

Ihre Mutter verdrehte die Augen und verglich den Preis mehrerer Paare Socken. »Ich rede vom letzten Dienstag, als ich meinen Friseurtermin hatte und gerade unter der Haube saß. Da spazierte Simon direkt vor dem Ladenschaufenster vorbei, und übersehen kann man ihn ja schlecht. Er hat mich aber nicht gesehen, ist auch besser, mit den Wicklern aufm Kopf!«

Katja war wie vom Donner gerührt. Simon hatte noch nie im Leben spitze Stiefel getragen, er hasste enge Schuhe – und er hasste auch Fransenwesten, dessen war sie sich ganz sicher. Und was zum Teufel machte Simon mitten in der Woche tagsüber auf der Haupteinkaufszeile der Stadt?! Wo er doch angeblich nicht mal dazu kam, seine Überstunden abzufeiern?! Entweder ihre Mutter brauchte bald einen Blindenhund – oder irgendetwas stimmte da nicht. Und eine dumpfe Ahnung beschlich sie, dass es Letzteres sein könnte ...

 

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Die komplette Story mit den drei Enden ist erschienen in der Anthologie

Liebesgeflüster – Kurzgeschichten & mehr

ISBN 978-3-942024-29-7     Anthologie II des Testudoverlages      12,99 Euro

Testudoverlag

 

 


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