Lesehäppchen

Kaktus

 

Horch! Das war die Eingangstüre ... Aber wer kommt noch?! Der Arzt war da, später ein paar neugierige Nachbarn, dann die Leute vom Bestattungsinstitut, und schließlich der Notar und der Nachlaßverwalter. Fleur ist tot, ihr vogelzarter, eleganter, beinahe siebzig Jahre alter Körper liegt seit Wochen schon unter der Erde! Jetzt Schritte. Und Stimmen im Salon. Sie kommen näher ... Ich kenne sie ...

„Willst du wirklich auch noch den ganzen persönlichen alten Plunder ausräumen? Das ist ja eine Wahnsinnsarbeit, Rosa - lass´ das doch irgend ‘ne Entrümplungsfirma machen.“

„Nee, du - das wäre echt unwürdig und respektlos – abgesehen davon, Peter - der alte Plunder hat uns ein Vermögen gebracht. Die antiken Möbel, die Gemälde, Tante Fleurs Kunstsammlung ...“

„Ja, und ?!  Ist doch gut so, liebes Cousinchen - die Alten sterben, die Jungen erben!“

Die Glastür zum Wintergarten klirrt leise unter dem näherkommenden Schritt der Frau. Sie schiebt den Riegel zur Seite und bückt sich durch die schmale Öffnung. Der Mann schaut ihr ungeduldig hinterher. Der ungeduldige Peter, viel zu ungeduldig.

„Nun sag bloß nicht, Rosa, du willst das ganze komische Grünzeug hier heute auch noch mitnehmen! ICH schleppe das auf jeden Fall nicht runter. Du weißt, dass ich Allergiker bin.“

„Die Pflanzen vertrocknen hier, und du wolltest sie doch eh nicht haben! Ich lasse sie aber nicht einfach so umkommen, es sind Lebewesen genau wie wir.“

„So ein Quatsch. Du bist noch gefühlsdusseliger geworden als früher!“

„Und du, lieber Peter, noch ungenießbarer ...!"

Der kommt nun ebenfalls in den Wintergarten, beide Menschen schlängeln sich durch die schmalen Pfade zwischen den engstehenden Pflanzen. Hier sind Orchideen, Palmen, Töpfe mit Bambus und Schilfgras; und filigrane Regale, vollgestellt mit fremdartigen und kostbaren Gewächsen, die Fleur in jahrzehntelanger Arbeit gesammelt und gezüchtet hat.

„AUUU!!! Verdammt, das sind keine Pflanzen, das sind Monstrositäten!“ Peter lutscht an seinem Handrücken, mit dem er gegen meine Stacheln gestoßen ist. Wütend tritt er nach meinem runden Topf.

Rosa lacht. „Diese  Monstrosität ist ein Goldkugelkaktus, ein sogenannter >Schwiegermutterhocker<, und in dieser Größe auch einiges wert, mindestens ein paar Hundert Euro. Abgesehen davon, dass er einmal im Jahr so schön blüht. Der ist jetzt bestimmt weit über zwanzig Jahre alt. Ich kenne den Kaktus noch von früher, damals war er natürlich kleiner. Aber Tante Fleur mochte ihn immer besonders gern, weshalb weiß ich gar nicht ...“

Aber ICH weiß es, und ich mochte Fleur auch gerne, sehr gerne, denn ohne sie wäre ich längst nicht mehr: Sie hat mich bemerkt damals, als ich halb vertrocknet und entwurzelt zwischen hundert anderen Pflanzen im Abfall einer Großgärtnerei lag, vor langen, langen Jahren. Ihr mitleidiger Blick fiel auf mich, mich hob sie auf und mich nahm sie mit. Einfach so!

Unter ihrer Pflege erholte ich mich, wuchs schnell und gut, und blühte bald vor Freude jedes Jahr. Nie stach ich sie, wenn sie mich im Frühjahr umtopfte. Und später, als ich zu groß und schwer wurde, machte ich meine Stacheln ganz weich, wenn sie die Erde in meinem Topf auflockerte und neue Steinchen und Dünger einstreute ... Oft sprach sie mit mir, wie auch mit allen anderen Pflanzengeschwistern hier; während sie uns pflegte, verdorrte Blätter entfernte, mit weichem handwarmem Wasser begoss. Sie redete dann in ihrer Muttersprache, französisch. Aber wir verstanden sie natürlich trotzdem. Pflanzen sind sprachbegabter als viele denken. Von ihrem ganzem Leben erzählte Fleur, und wir, ihre „grünen Freunde“, wie sie uns nannte,  wussten (vielleicht nur wir...), welch hartes, abenteuerliches und sonderbares Leben das war. Aber das ist eine andere Geschichte ... Jedenfalls - mit mir sprach sie am meisten, denn ich war der erste Bewohner in diesem Wintergarten, den sie in dem alten Haus hier anbauen ließ – ja, vielleicht habe ich sie erst auf diese wunderbare Idee gebracht ...

Peter stößt noch einmal ärgerlich gegen meinen Topf. „Weshalb Fleur dieses scheußliche Stachelding mochte - das ist mir, ehrlich gesagt, herzlich gleichgültig. Außerdem, Rosalein, bezweifle ich, ob ein Kaktus so alt werden kann.“

„Natürlich kann er. Du hast halt keine Ahnung von Pflanzen. Und nun hilf´mir doch einfach, wir laden die kleineren Kübel in meinen Renault-Kombi, zum Ausladen finde ich dann schon jemanden.“

„Wenn‘s denn sein muss - wenn du meinst, dass jemand so dämlich ist und dir das Zeug in deine Wohnung hochschleppt, bitte schön!  Und wenn ich dir hier nicht helfe, fichtst du am Ende noch das Testament an, Cousinchen.“ Er grinst freudlos, und fügt hinzu: “Sollte ein Scherz sein“, als er Rosas entgeistertes Gesicht sieht.

„Weshalb bist du nur so verbittert, so abweisend und so biestig geworden, Peter?“ Sie schaut ihn an, bekommt aber keine Antwort. Achselzuckend geht sie zurück in die Wohnung, um nach Kartons und Körben zu suchen.

Peter wirft mir einen giftigen Blick zu. „Mistding!“, murmelt er böse. Als ob er wüsste, dass ich weiß ... Oh ja, ich weiß ... Ich erinnere mich.

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Die ganze Story und vier weitere aus meiner Feder in der Anthologie

„Zuckersüß – Gallebitter – Mausetot"

Autorengruppe Semikolon ... BoD-Verlag 2011  ... Print, 8,90 € ... erhältlich bei mir und den anderen Autorinnen

In dieser Anthologie bin ich, wie meine Kolleginnen, mit jeweils mehreren Kurzgeschichten vertreten.

Meine Shortstory:

„Abendessen“ / „Tante Freya und die Kunstliebhaber“  / Gartenzauber  / „Andys Astrowelt“  / „Kaktus“

 

 

 


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