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Lesehäppchen

Himmlisches Geflügel

„Mama, Mama – ich hab grad einen Engel gesehen!“
Claudia warf ihrer fünfjährigen Tochter einen ebenso erschöpften wie genervten Blick zu. Natürlich hatte sie einen Engel gesehen – sie, Claudia, sah sogar Hunderte. Ganze Heerscharen von Engeln, die in allen Größen und Formen um ihre Aufmerksamkeit buhlten.
„Komm endlich, Lara, sonst werden wir nie fertig mit dem Einkaufen.“ Sie zog ihr widerstrebendes Kind durch die überfüllten Gänge des neuen Einkaufscenters, und schob es vor sich auf die Rolltreppe nach oben. Dabei hievte sie schwere Tüten von einer Hand in die andere.
Lara drängelte und wand sich, schaffte es, sich umzudrehen, spähte an ihrer Mutter vorbei nach unten und winkte dann jemandem heftig zu.

Claudia wandte den Kopf rückwärts und suchte ein bekanntes Gesicht in der Menge. War Georg schon da?! Sie wollten sich doch erst um halb fünf treffen, im Café in der obersten Etage. „Wem winkst du denn?!"

„Dem Engel!“
„Oh Gott!“, stöhnte Claudia und fing gerade noch eine wegrutschende Plastiktasche auf. Dieser erz-christliche Kindergarten ... aber woanders hatten sie keinen Platz mehr bekommen. Sie und Georg wollten für ihre Kinder eigentlich keine einseitige religiöse Prägung. Doch ohne Kindergartenplatz kein Job für Claudia und ohne Job kein Geld fürs neue Auto. Also ... Und jetzt – jetzt hatte wieder pünktlich zur Vorweihnachtszeit die zu erwartende Engelschwemme eingesetzt. Mittlerweile flogen sie durchs ganze Haus – als ewig schief hängendes Mobile, zerrupfte Watteengelchen, zerknittere Glanzpapierflattermänner und in hundert bunten Varianten auf allem Bemalbarem.

Der Einzige, den sie und Georg wirklich hätten gebrauchen können – einen Engel der Liebe, des Ehefriedens –, der war nirgends aufgetaucht, ging es Claudia bitter durch den Sinn, während die Rolltreppe sie langsam zwei Stockwerke nach oben trug. Vorbei an Rauschgoldengeln mit gebauschten Brokatröcken, die huldvoll lächelnd im Luftzug der Klimaanlage schaukelten; vorüber an Schaufensterpuppen in goldnen Gewändern, deren riesige Flügel aus schneeweißen Federn in mechanischer Lebendigkeit vor und zurück schwangen; hinweg über  dicke unförmige Kunststoffengel, welche von innen heraus hektisch rot blinkten wie Warnlichter.
Warnlichter – auch die hatten bei ihr und Georg zu spät aufgeleuchtet. Erst, als ihre Beziehung schon im Eimer war, hatten sie es so richtig gemerkt. Irgendwie war ihnen ihre Liebe abhanden gekommen im Laufe der Jahre, hatte den Platz geräumt für alltäglich emotionalen Kleinkrieg, so ganz nebenbei zwischen Windelwechseln, Büroalltag, Hausaufgabenkontrolle und Häuslebauen. Jetzt würde es verkauft werden, das Häusle, und sie würden sich trennen. Im Guten, hatten sie sich vorgenommen, der Kinder wegen – weshalb sie das Ganze auch erst nach Weihnachten anleiern wollten, im neuen Jahr. Wie das vor sich gehen sollte mit dem Guten, wussten sie allerdings selbst nicht ...
Lara riss heftig an ihrem Arm und deutete aufgeregt nach unten: „Mama, guck´ doch, da ist er!“
Claudia geriet ins Schwanken, schubste den eine Stufe über ihr stehenden Mann in den Rücken, der sie erbost anfunkelte. „Entschuldigung ... Was, Lara ?! Wer ist da?!“
„Der Engel!!!“
Claudia platzte der Kragen. „Lara, hier sind überall Engel, ich sehe hunderttausend Engel.“
„Nein, die mein´ ich nicht, ich mein´ den echten!“
„Es gibt keine echten.“
„Doch, Mama, der hat sich richtig bewegt und gelacht und mir gewinkt!“
„Ach Lara – das war jemand vom Einkaufszentrum hier, da hat sich jemand als Engel verkleidet! So wie deine Freundin Bine beim Krippenspiel im Kindergarten.“
Lara schmollte. „Neee – nicht so. Der war echt. Der hat geleuchtet.“
Claudia seufzte und ersparte sich eine Erwiderung. Wenn Lara sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, blieb es dort, da halfen keine Argumente. Wie sollte auch eine Fünfjährige für so etwas Dummes wie Argumente zugänglich sein, wenn nicht mal ihre Eltern das hinbekamen ...
Bevor Claudia tiefer in philosophischen Gedanken eintauchen konnte, hatten sie die zweite Etage erreicht. Lara hopste erleichtert von der Rolltreppe, Claudia packte ebenso erleichtert ihre schweren Einkäufe auf den freien Platz bei der Sitzecke gegenüber vom Spielzeugladen. Sie sah auf die Uhr – schon Zwanzig nach Drei, wo war Nico, dieser Bengel, denn jetzt?!  Er konnte doch wahrhaftig die Uhr lesen, und sollte um Viertel nach genau hier wieder auftauchen. Sie hatte ihrem achtjährigen Sohn erlaubt, im Spielzeugladen zu stöbern während sie mit seiner kleinen Schwester schnell beim Schuster im Erdgeschoß ein paar neubesohlte Winterschuhe abholte.
Jetzt sah sie sich suchend um, behielt dabei aber Lara gut im Auge. Wenn Nico nicht gleich auftauchte, würde sie wohl oder übel samt Tochter und Päckchen und Tüten im Gewühl des Ladens nach dem Sohnemann suchen müssen.
Gerade hatte Lara gerade die Stiefelchen auf das untere stählerne Umrandungsrohr des Geländers gestellt, welches die ganze Balustrade von jedem Stockwerk umrundete.
„Lara – geh da runter! Sofort!!“
Lara zog einen Flunsch, gehorchte widerwillig und kauerte sich auf die Knie, die Nase an der gläsernen Front platt drückend, die sie und alle anderen vor einem Sturz in die Tiefe bewahren sollte. Claudia schüttelte sich unwillkürlich – sie war im Gegensatz zu ihrer Tochter nicht schwindelfrei, und der freie Blick ins Erdgeschoss behagte ihr überhaupt nicht.
Die hypermoderne Architektur dieses neuen Konsumtempels war sowieso nicht nach ihrem Geschmack. Das Innere des Gebäudes glich einer riesigen senkrecht stehenden Röhre, überdacht von einer verglasten Rundkuppel. Von dort oben herabhängend trafen sich überdimensionale Weihnachtskugeln mit der Spitze eines ebenso überdimensionalen Weihnachtsbaumes, der vom Erdgeschoss aus in die Höhe ragte.
Er erinnerte Claudia allerdings eher an eine futuristische Weltraumrakete. Der Baum bestand aus silbernem Stahlblechplatten, durchlöchert mit herausgestanzten Sternen, Kerzen, Kugeln und – natürlich – Engeln. Die Platten waren versetzt und etagig um eine Achse aus Stahlrohr angebracht, Schnittstellen und Kanten funkelten golden, das ganze Ding gleißte und spiegelte im Kunstlicht, dass einem die Augen tränten.
Potthässlich!, dachte Claudia.
„... echt geil, Mama, oder?!“,  drang die Stimme ihres Juniors an ihr Ohr.

 

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Die ganze Story und zwei weitere weihnachtliche Lesehappen im Buch!

Himmlisches Geflügel

ISBN 978-3-94-2024-23-5   Testudoverlag 2012

E-Book 0,99 € / Print als Mini-Testudo 2,00 €

 

 


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