Scharf geschossen mit der Kamera. 23 Fotokrimis aus Franken.

Lesehäppchen

Schnappschuss

Heike schiebt den Ärmel ihrer Windjacke zurück und wirft einen Blick auf die Uhr. Gleich Zwölf! Hoffentlich kommt die kleine Gans halbwegs pünktlich.

Es ist Wochenende, aber diesen Auftrag kann Heike sich nicht entgehen lassen – Fotoshooting beim Drei-Franken-Stein. Weshalb es der alte, bemooste Stein mitten im Wald sein muss, an dem bis vor ein paar Jahren die Landesgrenzen von Ober-, Mittel und Unterfranken zusammenstießen, war ihr schnell klar, als sie den Namen hörte: Franka Stein ... eine der neuen Autorinnen in Olivers Verlag. Fotos für ihre Homepage braucht sie. Dort will sie dem geneigten Leser Einblick in ihre Welt geben, hat Oliver erklärt. Und Einblick – das geht nun mal am besten mit Bildern. Dass Heike die machen soll, kommt ihr gerade recht.

Sie wirft einen kritischen Blick in den Himmel. Trüb und bewölkt. Na ja, solange es nicht zu windig wird, will sie nicht meckern. Hinter ihr raschelt das Laub. Heike dreht sich um, späht zwischen die Bäume. Nur ein paar dicke Amseln, die in welken Blättern am Boden herumpicken auf Wurmsuche.

Sie seufzt. Hier ist weit und breit kein Mensch. Keine Spaziergänger heute, nichts ... Sie setzt sich auf den längs halbierten Baumstamm, der aufgebockt auf zwei Holzklötzen als Bank fungiert. Eine Meise landet mit wippendem Schwanz auf der abgerundeten Spitze der steinernen Markierungssäule mit der verwitterten Schrift. 1892 entziffert Heike. Hundert Jahre später war ihr Hochzeitstag. Verdammt jung war sie damals gewesen, noch keine Zwanzig ...

Ein Ast knackt, Split knirscht und Heike hebt den Kopf.

Da kommt die Stein, stöckelt unsicheren Schrittes den Waldweg entlang. Den Kragen des Mantels hat sie hochgeschlagen, klammert vorne mit einer Hand den Ausschnitt zusammen, hält mit der anderen den Henkel einer großen Handtasche fest, schwankt auf hohen Absätzen durch das Laub wie ein Matrose bei Landgang.

Heike schluckt und spürt, dass ihr ein Kribbeln über die Haut rennt. Sie steht auf, zupft sich den schwarze Pony in die Stirn, zieht den Reißverschluss der Jacke zu, geht der Stein langsam ein paar Schritte entgegen.

Die andere bleibt, leicht außer Atem, stehen und lächelt sie an. „Frau Paul? Die Fotografin? Ich bin Franka Stein!“ Sie streckt ihr die Hand hin, die Heike ignoriert. Stattdessen greift sie zu der schon startbereiten Kamera.

„Ich weiß. Wollen wir gleich anfangen?“

Nur kurz huscht Irritation über das junge Gesicht, dann nickt Franka Stein. „Klar. Natürlich. Das bisschen Licht müssen wir ja ausnutzen, nicht?“ Sie deutet unbestimmt in den Himmel.

Heike lächelt knapp, mit schmalem Mund. „Ich schlage vor, wir machen zuerst ein paar Bilder bei dem Grenzstein.“

„Moment, bitte ...“ Die Stein streift eilig den Mantel ab und Heike sieht, dass ihr Kleid eng anliegt, ein schickes Etuikleid in tiefem Kirschrot. Ihre Figur ist tadellos, ebenso das Make-up. Jetzt fährt sie sich durch das blonde Haar, bis es weich ins Gesicht fällt, wühlt in ihrer Tasche nach dem Spiegel, wirft ein kritischen Blick hinein und zupft sich noch die Frisur zurecht.

Heike dreht sich weg, presst die Lippen zusammen. Die dumme, eitle, kleine Pute! In Gedanken sieht die sich garantiert schon als Bestseller-Autorin auf den Titelseiten!

Heike muss sich zusammennehmen, um keinen bösartigen Kommentar loszulassen. „Also – dann wollen wir mal. Machen Sie sich einfach locker, posieren Sie bei dem Grenzstein so, wie Sie Lust haben. Ich mach ein paar Momentaufnahmen, zum Aufwärmen.“

Sie senkt den Blick auf die Kamera, fängt die weibliche Gestalt mit dem Objektiv ein, zoomt heran auf die schmale Taille und geschwungenen Hüften.

Franka Stein baut sich jetzt neben der Säule auf, legt eine zierliche Hand auf die raue Oberfläche, trommelt mit rot gelackten Nägeln einen kleinen Wirbel auf den Stein. „Wollen Sie denn überhaupt nicht wissen, was ich schreibe? Der Bild-Atmosphäre wegen und so? Oder kennen Sie meine Bücher?“

Heike winkt Franka mit einer Geste ein Stückchen zur Seite ohne den Blick zu heben. „Ich kenne alle Ihre Bücher.“

„Ah – schön, ein Fan! Und?“ Neugierig fixiert Franka Stein sie mit den babyblauen Augen.

Heike lächelt nur undurchsichtig, schießt eine Serie Fotos, läuft um Franka herum, beugt sich vor, lehnt sich zurück, geht in die Knie, hält den Apparat hoch über den Kopf, visiert sie schräg von unten, seitlich, frontal ... Klick-Klick-Klick, das ganze Programm eben. Und Franka Stein bemüht sich ordentlich zu posieren.

Heike lässt die Kamera sinken. „Wie kommt man denn auf all die Ideen – so als Krimiautorin? Haben Sie selbst Erfahrung mit dem kriminellen Milieu? Vielleicht Betrug oder so was?“

Franka hebt erschrocken die Hände, winkt ab. „Wie kommen Sie denn da drauf? Meine Weste ist blütenrein! Bis jetzt zumindest.“

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Scharf geschossen mit der Kamera – 23 Fotokrimis aus Franken 

Verlag Königshausen & Neumann
Oktober 2015
12,80 Euro
ISBN 978-3826058745