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Lesehäppchen aus der Titelstory

Niemals oder für immer

... Und nun stand sie hier mutterseelenallein im Reich der Toten und wollte nichts anderes als weitersuchen – in den Trümmern ihres alten Lebens vielleicht ebenso wie nach Lily. Ihr Handy war bisher stumm geblieben, also hatte noch niemand das Kind gefunden. Müde und frierend zog sie die feuchte Jacke enger um sich. Wenigstens der Regen hatte aufgehört und der Nachthimmel klarte langsam auf, sogar einzelne Sterne funkelten herab.

Anna ging den Friedhofspfad ein Stück weiter entlang, der im Bogen hinter einer Baumgruppe verschwand. Als sie die Bäume umlaufen hatte, öffnete sich vor ihr ein breiter Weg, an dem ein einzelnes prachtvolles Mausoleum stand. Der Wind hatte jetzt die Wolken vollends verjagt, und der volle Mond warf – wie in einer kosmischen Filminszenierung – seine kalten Strahlen auf das Bauwerk. Der blanke nasse Marmor des Totenhauses glänzte, und weiß leuchtete der Kieselsteinplatz davor auf.

Und dort – Anna stockte der Atem, die Nackenhärchen stellten sich auf, eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper – hockte Lily, in ein Spiel vertieft, am Boden. Aber sie war nicht allein ...

Ein anderes kleines Mädchen kauerte neben ihr. Beide Kinder beugten sich über etwas, was Anna auf die Entfernung für eine Puppe hielt.

Ihre Hand fuhr zum Mund und erstickte einen halb erleichterten, halb erschrockenen Ausruf. Was machte ein kleines Kind in der Nacht alleine hier? Und wenn es nicht alleine war – wo waren die Eltern? Sie stand erstarrt und beobachtete diese unwirkliche Szene. Dann atmete sie zitternd durch und ging vorsichtig, Schritt für Schritt näher. Vielleicht war dieses andere Kind auch eine kleine Ausreißerin ...

Es sah nicht wirklich verwahrlost aber, aber sein Kleidchen und die Schnürstiefelchen schienen uralt zu sein und seine Stoffpuppe war reichlich zerfleddert.

Halb unbewusst registrierte Anna, dass beide Kinder vollkommen trocken waren, sie mussten während des Regens irgendwo Unterschlupf gefunden haben.

»Lily!«, sagte sie leise, »Lily!«

Lily hob den Kopf, erblickte sie und lächelte. Es war lange her, dass Anna das Mädchen hatte lächeln sehen. Auch das andere Kind sah auf und Anna zuckte zusammen. Ein seltsam bleiches kleines Gesicht mit übergroßen bodenlos schwarzen Augen musterte sie skeptisch. Dann beugte sich das Kind dicht zu Lily und flüsterte hinter vorgehaltener Hand etwas in ihr Ohr. Lily schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nicht meine Mama.« Sie warf einen schnellen Blick zu Anna. »Aber meine Tante. Sie ist auch lieb.«

Anna traten die Tränen in die Augen. Das fremde kleine Mädchen lächelte und entblößte dabei hell schimmernde, überlange spitze Eckzähne. Anna schluckte, blinzelte, schloss kurz die Augen. ... spielen darf man auch nicht mit den Kindern dort, die beißen ... Der Satz des kleinen Jungen schoss durch ihren Kopf. Doch das war Unsinn, das konnte nicht sein. Sie blinzelte noch einmal, sah hin – nichts hatte sich verändert, dort hockten zwei kleine Mädchen wie beim Sandkastenspiel und eines davon hatte Fangzähne.

»Lily ...«, sagte Anna verhalten und trat einen weiteren vorsichtigen Schritt näher, »Lily! Komm’ her, wir müssen nach Hause.«

Lily stand widerwillig auf und schob die Unterlippe vor. »Aber wir spielen so schön!«

Anna streckte die Hand aus. »Es ist jetzt schon spät, du musst schlafen gehen, und deine kleine Freundin hier sicher auch!«

Das fremde Kind schüttelte bestimmt den Kopf. »Nein, ich muss erst schlafen, wenn die Sonne aufgeht.« Ihr Stimmchen klang wie Glöckchengeläut, süß und hell.

Anna brach der Schweiß aus. Das hier war so etwas von irrational ... Sie räusperte sich. »Wo ist denn deine Mama?!«, wandte sie sich an die Kleine. »Die macht sich bestimmt schon Sorgen um dich.«

Die bodenlosen großen Augen sahen Anna ernst an. »Ich hab’ keine Mama mehr.«

Anna schluckte. »Und ... und wo wohnst du denn, Kleine?!« Stumm wies ein zartes weißes Fingerchen auf das Mausoleum. Annas Blick wanderte zu dem Bauwerk. Breite Stufen führten hinauf zu einem terrassenartigen Vorbau, über den sich ein von zwei mächtigen Säulen getragenes Vordach hob. Und an der üppig verzierten Frontwand gab es eine schwere eiserne Tür, die einen Spalt weit offen stand ...

 

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