Lesehäppchen

 

Blindgänger

Es hätte so schön werden sollen. Das ist das Einzige, was ich denken kann – es hätte so schön werden sollen!

So ein wunderbarer warmer Herbsttag. Die Sonne wärmte mir das Gesicht, unter meinen Füßen raschelte das Laub, es roch nach Holz und Erde. Und um uns her – Stille. Nur das leise Rauschen der Baumwipfel, manchmal ein Knarren, wenn sich die Äste hochoben im Wind aneinander rieben, und ab und an der helle Ruf eines kreisenden Raubvogels.

Ja, Stille – doch jetzt – höre ich auch deine Stimme nicht mehr, und nicht deinen Atem, nie mehr. Als ich wieder erwachte, vorhin, nach dem Schlag auf den Kopf, da schrie ich deinen Namen, schrie, bis mir die Stimme versagte. »Wo bist du??!«, schrie ich, »Wo bist du?!? Antworte doch!« 

Aber du kannst nicht mehr antworten.

Ich suchte nach dir, voller Panik. Taumelte und strauchelte durch Gestrüpp und Gebüsch, stieß an Baumstämme, zerriss mir die Haut an borkigen Ästen; Zweige zerkratzten mein Gesicht; ich fühlte das Blut warm über meine Stirn rinnen. Vor Grauen zitterte ich; der Schweiß lief mir den Rücken hinunter, in meinen Ohren dröhnte die Angst, übertönte alles. Dann stolperte ich, fiel hin, fiel über dich – als ich blindlings Halt suchte, fand meine Hand deinen noch warmen, stillen Körper. Hektisch tastete ich dich ab, schrie dabei meine Angst in den einsamen Wald. Ich rüttelte dich, doch du warst leblos wie eine übergroße schwere Stoffpuppe. Meine zitternden Finger suchten deinen Puls, mein Ohr deinen Herzschlag. Doch auch in dir – Stille. Überall Stille, nur aufgestört von meinen Schreien.

Jetzt hocke ich neben dir, immer noch, kauere an deiner Seite, fühle, wie der Boden feucht und kalt wird unter meinen Knien. Stunden müssen vergangen sein. Bald wird es Nacht. Das ist mir gleich. Meine Hände gleiten sanft über deinen Leib, so, als könne dir noch immer jemand wehtun. Ich fühle deine nackte, zarte, jetzt kühle Haut unter meinen Fingern; dein Pulli ist zerrissen, deine Jeans schlingen sich um deine Knöchel, einen Schuh hast du verloren im Kampf. In deinem wirren Haar klebt Blut, der kupfrige Geruch steigt mir in die Nase, als ich mein Gesicht an deine marmorne Wange presse. Wenn ich mich vornüber beuge, dröhnt und schmerzt mein Kopf, mir wird übel und schwindlig. Aber ich lebe. Und ich bin verschont.

Sie hatten genug an dir, haben mich einfach liegen lassen wie ein Stück Holz, achtlos, denn ich bin keine Gefahr. Nie könnte ich beschreiben, welche Fratzen das Grauen hat; ich konnte ihre Gesichter nicht sehen.

Es wird immer kälter, mein Atem schlägt als warme, feuchte Wolke zurück in mein Gesicht, das ich an deiner starren Schulter vergraben habe. Ich muss zurück, ich muss zu unserer Jagdhütte, ich muss Hilfe holen. Aber wie kann ich dich hier liegen lassen, so alleine, verrenkt und zerbrochen, zerstört für immer … Langsam droht der Schock mich zu überwältigen, ich habe Schüttelfrost, meine Zähne schlagen klappernd aufeinander. Wimmernd schaukele ich, mich selbst eng umschlungen, auf Knien vor und zurück, schluchze so heftig, dass ich mich übergeben muss, wische mir fahrig den Mund ab mit nassen, klebrigen, modrig riechenden Blättern.

 

Sie waren zu weit gegangen. Nachdem der Nebel aus Alkohol und Drogen sich verzogen hatte; nachdem der Rausch der Lust verflogen war, traf sie die nüchterne Realität wie ein Schlag in den Magen: Sie waren zu weit gegangen. Die Frau war tot.

Der eine hatte sich gekrümmt unter dieser Erkenntnis, stieß dann die Wagentür auf und erbrach laut würgend Bier und Ekel ins Gebüsch. Der andere schwitzte trotz zunehmender Kühle; atmete schwer und keuchend unter der großen Anstrengung des Schreckens. Er stierte durch die verschmierte Frontscheibe des alten Autos auf den Waldparkplatz, der bis auf ihren eigenen Pkw leer und verlassen war. Wie sie zurück in ihr Auto gekommen waren – danach –, das wussten sie nicht mehr so genau – jetzt war es beinahe dunkel, also musste es eine ganze Weile her sein. ES … Es hatte einige Stunden gedauert, bis in ihre verworrenen Hirne vorgedrungen war, was das bedeutete: einen Menschen getötet zu haben.

Schlockernd ob dieser Erkenntnis machen sie sich jetzt eilig auf den Weg; gedrängt von dem Gefühl, nachsehen zu müssen, was Wahn und was Wirklichkeit ist. Sie tappen eine Zeitlang suchend den dunklen Waldweg zurück, den sie vor Stunden entlang getorkelt waren, trunken und übersättigt, berauscht von ihrer Tat.

Endlich finden sie mit Hilfe der starken Stablampe ihr heruntergebranntes Lagerfeuer, hocken eine Weile dort und stochern ratlos in der Asche, das Entsetzen immer deutlicher im Nacken spürend. Nicht, dass ihnen die tote Frau leid tut, oh nein. Oder die andere, die sie mit einem Ast niedergeschlagen haben. Was sie entsetzt, ist die Vorstellung der möglichen Folgen, die ihre Tat für sie haben könnte … Denn das hier – das ist etwas anderes als ihre sonstigen miesen Spielchen, etwas anderes als »Türken klatschen« oder alten Leuten die Tasche klauen. Das hier – das ist eine Nummer zu groß für sie.

 

Und wenn sie zurückkommen?! Wie ein gleißender Blitz durchschießt plötzlich dieser Gedanke mein Hirn. Wenn sie zurückkommen …

Ich bin hier ganz alleine, wir waren beide alleine hier. Die Jagdhütte deines Onkels ist abgelegen, das fanden wir romantisch in unserer Naivität und ideal für ein paar gemeinsame Tage zum Reden, Spazierengehen, vor dem Kamin hocken und Zukunftspläne schmieden. Jetzt hast du keine Zukunft mehr, du wirst nicht als Forstwirtin einen Landschaftspark mitgestalten, dann deinen Jens heiraten und eure drei Wunschkinder kriegen. Jens – mein Gott – du hast ihn heute Mittag noch mit dem Handy angerufen – das Handy, wo ist das Handy?!

Ich suche hektisch tastend den Boden um deinen Körper herum ab, befingere deine Kleidung, wühle im Laub, schiebe keuchend Äste zur Seite und hebe sogar Steine hoch, aber ich finde nichts. Langsam ziehe ich meine Kreise größer – vielleicht bist du gerannt, vielleicht hast du das Handy verloren, vielleicht haben sie es in die Büsche geworfen, vielleicht – vielleicht … Kein Handy. Irgendwann gebe ich auf. Mein eigenes ist in der Hütte. Wie dumm. Wie unsäglich dumm, dass ausgerechnet ich mein Handy nicht mitnehme. Ich habe es sonst immer dabei. Immer. Nur heute nicht. Der Akku war leer, es hängt noch immer an der Ladestation.

Und wenn sie zurückkommen?! Wieder beginnt mein Herz zu rasen bei diesem Gedanken. Ich komme taumelnd auf die Beine und versuche, den Weg wiederzufinden, auf dem wir wanderten, als ich deinen erschrockenen Schrei hörte – nach dem alles dann so schnell ging, dass es für alle Zeit unfassbar bleiben wird für mich. In meinen Ohren klingt immer noch das Letzte, das ich hörte, bevor mich der Schlag auf den Kopf traf – es war ein merkwürdig gackerndes Lachen – ich will nie wieder jemanden so lachen hören …

 

Und nun hetzen sie stumm durch den dunklen Wald. Der Strahl ihrer Lampe zuckt wie ein irres Gespenst über den Weg, reißt für den Bruchteil von Sekunden gezackte Blätter und knorrige Äste aus der Dunkelheit, lässt den spitzen Split aufleuchten wie einen Weg aus gesprengtem Silber. Kies knirscht laut unter ihren Sohlen, ab und zu stolpert einer von ihnen in seiner Hast. Wird überholt vom anderen, der aber kurz darauf wieder zurückfällt in seinem Tempo – es ist wie ein Wettlauf, bei dem keiner gewinnen will. Und doch kommen sie voran, schnell …

 

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"HerzBlutSpur – Geschichten über die BÖSE Liebe"

ISBN-13: 978-3732284733      BoD-Verlag 2013    

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